Triunfo

Ipuarana

Taquaritinga do Norte

Gravatá

 

Taquaritinga do Norte
Arbeitstag eines Landarztes in Nordostbrasilien

     "Dass du mir deine Frau in die Stadt bringst, wenn es soweit ist", sagte ich zu Vicente, einem dickschädeligen Schwarzen. "Du weißt, dass meine Frau zur selben Zeit entbinden wird wie deine, und glaube nicht, dass ich zu dir aufs Sítio (landwirtschaftliches Grundstück mit Obst, Kaffee, Hackfrüchten usw.) hinaufkomme und meine Frau im Stiche lasse. Bei deiner Frau kann sich die Geburt lange hinziehen." Der also Angeredete verspricht mir hoch und heilig, seine Frau, wenn sich die Wehen einstellen, in die Stadt herunter- und bei Bekannten unterzubringen. Sie ist mit 37 Jahren zum ersten Male schwanger.

     Vicente versorgt eine Kaffeeplantage, die einem deutschen Pfarrer gehört, und knapp 4 km vom Städtchen entfernt fast auf dem höchsten Punkt der Serra, einem abgetragenen Urgebirgsstock, liegt, und wie eine Decke über den Kamm gelegt, über beide Lehnen herabhängt. Wie hier so üblich, steht auf dem Grundstück ein Häuschen, für die Unterkunft des Arbeiters, dem das Sítio zur Bearbeitung anvertraut ist, mit seiner oft zahlreichen Familie bestimmt. Die Aussicht auf das Städtchen, die grünen Hänge der Serra und die trockenen Ebenen des Sertão (wasserlose Ebenen im Innern Nordostbrasiliens), ist herrlich, doch sie interessiert den Schwarzen wenig. Wichtig ist, dass der Besitzer der Plantage ihm genug Arbeit zuweist, damit er sonntags vom Markt ein Stück Fleisch oder einen Streifen Tuch nach Hause bringen kann. Am meisten ist er besorgt um Regen. Kommt der nicht zur rechten Zeit, so gibt's keinen Kaffee, das Hauptprodukt, das Geld einbringt. Auch mit Mais und Bohnen für den eigenen Bedarf wird's knapp. Glück hat er noch, dass einige hundert Meter von seinem Haus entfernt sich eine Quelle befindet, so dass ihm wenigstens das Wasser für den täglichen Gebrauch nicht ausgeht. Dass der Regen von den umliegenden Hängen die Überreste von menschlichen und tierischen Fäkalien ins Wasser hineinschwemmt und er sich damit Verminosen und andere Darmkrankheiten holt, weiß er jetzt, seit ihn der Pfarrer darauf aufmerksam gemacht hat. Aber früher dachte er ebenso wenig wie die anderen Bewohner der Serra daran, dass man das Wasser filtrieren oder kochen müsse.

     Eines Morgens hält vor unserer Wohnung ein Lastkraftwagen, beladen mit etwa 25-30 Personen, darunter drei Frauen. Sie sind in aller Herrgottsfrühe aus einem Ort im Sertão, etwa 60 km entfernt, losgefahren. Einer ihrer früheren Dorfgenossen, der ins Städtchen verzogen ist, war mit meiner Behandlung so zufrieden gewesen, dass sich infolge seiner Propaganda ein Lastwagen voll Ratsuchender zusammentat und mich aufsuchte. Ein arbeitsreicher Tag stand mir bevor, zumal ich noch mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, waren wir doch erst sieben Monate im Lande. ich kam aber ganz gut voran, war ich doch über die Routine schon einigermaßen im Bilde, und schließlich hatte mich auch der Tropenkurs in Hamburg nicht ganz unbeleckt gelassen. Das übliche Bild: Verminosen, Darmbilharziose, Darmprotozoosen, chronische Leberaffektionen, Herzinsuffizienzen. Meine Frau machte die jeweiligen Laboruntersuchungen. 

     Da, gegen Mittag tauchte Vicente, der Unglücksmensch, auf. Die Tränen kamen ihm fast. Seine FrauNo sítio do Padre Otto, Vicente wäre am Entbinden und es ginge ihr nicht gut. Ich solle doch hinaufkommen und ihr beistehen, Zunächst hielt ich ihm vor, warum er doch gegen sein Versprechen seine Frau nicht in die Stadt gebracht habe. Aber finde sich doch einer in einem so eigensinnigen konfusen Dickschädel zurecht. Ich hatte noch nicht gelernt zu unterscheiden zwischen einem Versprechen, das man gibt, um dem andern nicht zu widersprechen und einem, das man wirklich halten will. Ich sagte dem Vater in spe, er solle einen Arzt aus dem Nachbarort holen, denn er sähe doch, dass der ganze Warteraum voller Leute wäre, die noch eine lange Reise vor sich hätten. Der Wagen könne nicht eher weg, bevor nicht der Letzte untersucht wäre. Schließlich könne sich die Geburt so lange hinziehen, dass ich mit den Leuten an diesem Tag einfach nicht mehr fertig würde, und diese dann nur seinethalben sich die Kosten machen müssten, im Ort zu übernachten. Ja, aber seine Frau würde sterben, bis er einen anderen Arzt hole und ich solle doch kommen. Da nun die Leute zustimmten, entschloss ich mich also dazu. Ich schickte Vicente voraus und gab ihm gleich die Instrumente mit, indem ich ihm bedeutete, ich käme mit dem Motorrad nach. 

     Ich beendigte noch die angefangene Untersuchung, aß etwas zu Mittag, und setzte mich - wie sagte doch mein früherer Chefarzt? - auf meinen Düsenjäger, eine bescheidene NSU-Quick, und fuhr auf dem zum Glück jetzt trockenen Feldweg den Hang hoch. Es geht durch Kaffeepflanzungen, mit Bananenstauden und Cajubäumen untermischt. Kurz unterhalb des Kammes macht der Weg eine scharfe Rechtskurve, um nach weiteren 200 in die Kammhöhe selbst zu gewinnen. Von Weg kann man nicht mehr sprechen, es ist abgewaschener, steilaufsteigender Felsen. Ich steige ab und führe das Motorrad mit schleifender Kupplung hoch. Noch ein paar hundert Meter und ich bin am Häuschen. 

     Zu meiner angenehmen Überraschung finde ich außer einer Hebamme, mit mehr gutem Willen als Können, kaum eine Person aus der Nachbarschaft vor. Gewöhnlich ist bei einem solchen Ereignis das so schon kleine Haus voll von Neugierigen. Häufig haben die Zimmereingänge keine Türen. Außer der Sala, dem Eingangsraum, haben die Räume auch keine Fenster, besonders die Schlafräume. Eine blakende Petroleumfunzel ohne Zylinder erhellt notdürftig den Raum. Dona Maria, die geringelten schwarzen Haare zu steif abstehenden kleinen Zöpfchen geflochten, atmet erleichtert auf, als sie mich sieht. Ich untersuche die Kreißende und finde alles in Ordnung. Dass bei den schon rigiden Geburtswehen die Entbindung langsam vorwärtsgeht, ist natürlich. Ich erkläre, dass eben die Frau noch einige Stunden arbeiten müsse, dass aber bis jetzt keine Gefahr bestehe.

     So unangenehm es Vicente und seiner Frau war, ich kehrte zurück und fuhr mit den Untersuchungen weiter. Es war schon Abend, als ich mit den Männern fertig wurde. Da tauchte wieder mein Vicente auf, aber diesmal in Tränen aufgelöst. Es ginge nicht weiter, die Frau wäre im Sterben und was noch des Jammers war. Hinauf musste ich schon, darüber bestand kein Zweifel. Eine Erstgeburt bei einer 37jährigen ist eben keine Kleinigkeit. Was ich aber als vage Möglichkeit vorausgesehen hatte, war nun wirklich eingetroffen. Meine Frau hatte inzwischen Wehen bekommen und zwar so, dass die Geburt nicht so lange auf sich warten zu lassen schien, zumal es keine Erstgeburt war. Im Kreuzfeuer zu stehen ist nicht angenehm. Aber von drei Seiten gleichzeitig an gegriffen zu werden, das war stark.

     Da zeigte sich, dass meine Frau nicht den Willen hatte, vor scheinbar unlösbaren Schwierigkeiten zu kapitulieren, und ohne den man als Auswanderer Schiffbruch erleidet. Sie erbot sich, die restlichen drei Frauen noch zu untersuchen. Wie sie mir nachher erzählte, musste sie immer wieder während der Untersuchungen inne halten, um einen Wehensturm vorübergehen zu lassen, und das so, dass die Patientinnen nicht allzu viel merkten. Da es mit der in den Tropen üblichen Schnelligkeit bereits dunkel geworden war, stieg ich zu Fuß hinauf zu der kreißenden Frau. Die Entbindung war normal weitergegangen, aber für die Presswehen brachte die Frau nicht mehr die nötige Kraft und den Mut auf. Der Mann bestürmte mich, die Zange anzulegen, die ich für alle Fälle sofort ausgekocht hatte. Da aber weder von Seiten der Mutter noch des Kindes Indikation zum Eingreifen bestand, blieb ich hart. Schließlich gelang es den vereinten Bemühungen, die Geburt ohne jede Kunsthilfe zu Ende zu führen. Nicht einmal ein Einriss erfolgte. Später hörte ich zufällig wie die Hebamme etwas abfällig gesagt hätte, sie hätte nichts gesehen, was sie nicht hätte auch machen können. Wenn nicht ein blitzendes Instrument in Aktion tritt oder wenigstens eine Spritze, hat der Arzt nichts gemacht. Das gilt sogar von Kundschaft zum Teil aus gehobeneren Kreisen. Vicente aber erkannte meine Bemühungen an, indem er mir einen halben Sack Kaffee schickte, eine für seine Verhältnisse sehr gute Bezahlung. Übrigens hat Dona Maria im Laufe der folgenden drei Jahre noch drei weiteren Kindern ohne ärztliche Assistenz das Leben geschenkt.

     Um 21 Uhr herum war ich fertig und begab mich sofort auf den Heimweg. Ein Mann aus der Nachbarschaft begleitete mich, bewaffnet mit einer Foice, einem gebogenen, einer abgebrochenen Sichel ähnlichen Eisen mit 1 m langem Stiel, ohne die oder ein langes Messer nachts nicht leicht ein Mann auf dem Land ausgeht, wenn er nicht gar eine Schusswaffe mit sich führt. Kurz vor der Stadt begegnete uns ein Bote, den meine Frau gesandt hatte. Wenn möglich, möchte ich mich doch beeilen. Kurz nach 1 Uhr nachts kam dann ein Junge zur Welt.

© Dr. J. Schneider, Bayerisches Ärzteheft 10, 1956


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